Kategorien
Allgemein Frieden

Salisbury – Einmischen statt Schweigen

Friedenszeilen zu einem Song.

veröffentlicht am 22.09.2026; Autor: Prof. Dr. Wolf Stelzner

I.

Salisbury – der Titel einer LP aus dem Jahre 1971, von der Gruppe Uriah Heep. Das Cover! Ein staubumhüllter Panzer auf einer Langspielplatte als explosives Coverbild zur Zeit des Vietnamkriegs, seinen todbringenden „Agent Orange“-Wolken, seinen Massakern, auch dem wuttreibenden von My Lai, und dem Nachhallen der Klänge von Woodstock. Einer Zeit, in der ich meiner Jugendliebe begegnete, in jungen Jahren begann, mich für die aufkommende Friedensbewegung zu interessieren, für Himmelsrichtungen gleichermaßen, für die Kunst zur Diktatur, für Nietzsche und Freud – und nichts verstand. Und da gab es plötzlich diese zeitlos scheinende Komposition inmitten vitaler Klänge. „Salisbury“, klanggewaltig zwischen Rock und Klassik, elektrisierend, die mich bis heute bisweilen in meinen gedanklichen Zeitsprüngen umfängt.

Damals, eine energiegeladene Aufbruchsstimmung. Und heute im Hier und Jetzt? Eine verantwortungslose, hysterisch-religiös anmutende Kriegstreiberei im Fahrwasser politischer Allmachts-Phantasien. Wir taumeln, wir, die Menschheit auf einer Erde, die abermals zu einer „flachen Scheibe“ zu verkommen droht.

II.

Salisbury, eine englische Stadt in der Grafschaft Wiltshire, unweit südlich der Hochebene von Stonehenge. Die Stadt, ein einstiger Exerzierplatz, in unmittelbarer Nachbarschaft der „Salisbury Plain“, einem der größten europäischen Truppenübungsplätze der Gegenwart, mit einer bemerkenswerten Geschichte. So findet sich in der Salisbury Cathedral eines der vier Originale der Magna Charta aus dem Jahr 1215 – ein Dokument mit geschichtsträchtigem Einfluss auf die Entwicklung von Rechtsstaatsprinzipien. Ein Dokument mit hoher symbolträchtiger Kraft für eine seinerzeit anbrechende Zeitenwende, welche in einer geopolitisch durchwebten Gegenwart neuerlich regelrecht zerbombt zu werden droht.

Hat die Komposition damit zu tun?

III.

„Salisbury“ lässt in der Tat Vieles offen, lädt ein zu Assoziationen und zum Träumen über den Sinn von Symbolen und das Leben. Eine musikalische Begegnung, deren unausgesprochene, vibrierende Offenheit, ob beabsichtigt oder nicht, bisweilen klanglich in ihrer unerbittlichen Harmonie und Rhythmik kaum aushaltbar scheint:

„Leise und laut“ fordert der Klang auf, Standpunkte und Einsichten auszutauschen, verlangt er nach Antworten im schwelenden Eingeständnis, dass etwas unverstanden falsch läuft auf diesem Planeten:

mag sein, dass das fast 16-minütige „Salisbury“ eine orchestrale Hymne an eine Liebe ist, wie von manchen Rezensenten beschrieben, fast heilig und ehrfurchtsvoll eingebrannt im Tagebuch des Lebens, unverstanden das Ende in Zeiten des Aufbegehrens.

Vielleicht ist es auch eine hoffnungsspendende Botschaft an den Glauben, dass die Begegnung zweier Menschen in ihnen Kräfte entfacht, die weit über das Zu-Zweit-Sein hinausreichen:

Einmischen, statt Schweigen!

„Salisbury“ lässt hörbar Raum als eine paradox wirkende Antikriegs-Komposition, gewichtig und donnernd bisweilen, mystisch verklärt und dennoch eingängig einladend, sich gegen die verzerrenden Fratzen eines unaufhaltsamen Rüstungswahns zu stellen.

„Salisbury“, ein Werk aus dem Jahr 1971. Eine Entgegnung, das Unausgesprochene und Nicht-Wahr-Haben-Wollende im Menschsein auszuhalten. Und zugleich im Klanggewitter Landschaften von Krieg und Frieden und Liebe zu durchstreifen. Es ist die Nähe zu dieser Musik, zum Ton, der bindet und verbindet, der sprengt, aufregt und entzündet, der kreativ umtreibt und Fragen stellen lässt, der deutlich macht, was uns am Leben hält – und eben nicht nur Zuschauer im Schiffbruch des Lebens zu sein.

IV.

Was ist passiert in all den Jahren? Mit uns Menschen? Was haben wir verloren auf dem Weg – „In the year 2525“ –, als wir, einer Technik und transhumanistischen Ideologie huldigend, meinten, uns auf den Weg machen zu können zu fernen Planeten? Im Versuch, vor uns selbst davonzulaufen?

Kurz davor sind wir, uns nicht mehr als Menschheit auszuhalten: Zerstörungswahn als Antwort auf unbewusste Schuldgefühle und aggressiv entartete Trauerarbeit. Zu viel Blut ist vergossen über die Jahrtausende, zu viel paranoide Dummheit, kollektiv. Und so trifft sie zu, diese Formulierung angesichts des Grauens: twenty-first century schizoid man!

V.

Über die Bedingungen des Friedens ist seit vielen Jahrhunderten klug und vielseitig geschrieben und gerätselt worden. Die Versuche, sie in Stein zu meißeln, füllen Bibliotheken. Und doch verhallen sie, teils brillant, scharf und treffsicher formuliert, im Politikfeld ungehört, begleitet von den schwindelerregenden Zeigerbewegungen der „Doomsday Clock“. Wie in einem geschichtsbesessenen Wiederholungszwang scheinen sie unvereinbar mit der psychisch zunehmend entwurzelten Natur des Menschen im Politikfeld, auch im Schatten des Sinai.

So wie sich ungefragt tosendes Meer Land nimmt, so fordern Gier und Wahn im Machtknall Leben. Ein Niemandsland die Psyche. Dumm reden die Menschen vom Krieg, auf den vorzubereiten Jung und Alt sind. Seelenwinde wehen im Gestade der Zeit, in lauten und leisen Tönen, sehnsüchtig hoffend auf einen Wandel des Menschseins in einem bewussteren Kleid. Doch wie kann es gehen, wo selbst Beschlüsse im Weltsicherheitsrat sich verlieren in Worttiraden einer epochebrechenden Doppelmoral und Rechtsbeugung? Staatlich verordnetes „Gutmenschentum“ mag vordergründig ein nutzbares Bild zur Knechtung wahrhaftiger Aufrichtigkeit sein. Politisches Krisenmanagement jedoch kann bestenfalls Waffen zum Schweigen bringen. Niemals Kriege gewinnen – und niemals dauerhaften Frieden.

VI.

Kriege brauchen keinen wahrhaftigen Beweggrund. Politische Realitäten sind das eine, hintergründige Narrative jedoch das andere; künden sie derzeit doch von einem rasanten Verfall der politischen Urteilskraft in Verbindung mit einer „seltsam“ gleichgeschalteten Presse. Der Balken, an den sich Entscheider blind, ignorant und totalitär klammern, kann nicht tragen. Wo bleibt die Ebenbürtigkeit im Dialog? Wie soll so der Bürger noch wissen, was vor sich geht in einer heuchelnden Politikwelt, die die Lüge braucht? Glauben sie wirklich an eine Auserwähltheit durch das Wahlkreuz, wie einst an eine gottgegebene Autorität?

Kriege entstehen zumeist durch eine programmatische Überbewertung des Denkens, ein Davonlaufen vor der Intuition, dem eigenen Unbewussten, den wirklichen Konfliktlagen, die im Innern hausen. Zu viel Denken kann zu einer gefühlskalten Radikalisierung werden, in der Gedanken zu Trophäen werden, projizierte Phantasien zu Hirngespinsten, Ideologien zu Kriegsanleitungen.

VII.

Für eine Neuorientierung braucht es einen nüchternen Realismus, der nicht vor den Abgründen und Sehnsüchten von Völkerscharen zurückschreckt. Der versteht, dass Utopien und Visionen sich noch immer im Widerstreit befinden zwischen Menschenrecht und Naturrecht – und nicht zwingend Medikamente brauchen. Und der Ideale als das begreift, was sie sind: in einem Meer unbewusster Konflikt‑ und Motivlagen. Ideale in einer strittigen Realität. Bewusst zu machen gilt es ihre Kraft als mögliche Regulative in einer konstruierten Welt, so wie einst der gesellschaftspolitische Dialog als demokratisches Korrektiv gedacht war.

VIII.

Die Liebe ist ein tiefer Quell voller neugieriger Fragen und Hingabe an den Augenblick. Sie kann kampfbereit machen für etwas, das größer ist als ein „Ich und Du“. Zu erkennen, sich selbst zu stellen, ist ein Kränkungstraining auf diesem Planeten, das Bewusstsein verändert. Es mag surrealistisch anmuten, den „Hass überlieben“ zu können oder gar Erkenntnisse aus dem Irrationalen zu gewinnen angesichts des Elends der Welt und seiner eigenen Vergänglichkeit. Doch es mutet real an, dass alle propagierte „Staatsklugheit“ und „Staats-Einfalt“ im Glanz liebender Augen, die angstbefreit wachrütteln mögen, als Un-Weisheit und verschleierte Ungerechtigkeit erscheint. Augen, die im Streit niemals kalt werden, ahnen vielleicht um den wohl ewig steinigen Weg auf einem Pfad zum Frieden.


Bildquelle: erstellt mit KI-Unterstützung

MWGFD

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.