veröffentlicht am 23.09.2026; Autor: Prof. Werner Bergholz
140 Jahre Hamburger Daten, ein Ergebnis: Das Masernrisiko rechtfertigt keinen Kita-Ausschluss
Darf man ungeimpfte Kinder von der Kita ausschließen? Der Physiker und Qualitätsmanagement-Experte Prof. Dr. Werner Bergholz hat das Masernrisiko mit einer Methode geprüft, die in der Industrie seit Jahrzehnten Standard ist: der FMEA-Risikoanalyse nach DIN EN 60812. Sein Ergebnis auf Basis von 140 Jahren Hamburger Surveillance-Daten: Das Risiko liegt weit unter jeder Schwelle, die eine Eingriffsmaßnahme rechtfertigen würde.
Das Masernschutzgesetz erlaubt es, nicht gegen Masern geimpfte Kinder vom Kita-Besuch auszuschließen. Werner Bergholz, langjähriger Leiter des Qualitätsmanagements bei Siemens/Infineon, Professor für Elektrotechnik an der Jacobs University Bremen und seit 2025 Sachverständiger in den Corona-Enquetekommissionen der Landtage Brandenburg und Thüringen, stellt dazu die Frage: Hält diese Maßnahme einer anerkannten Risikobewertung stand?
Für die Antwort greift er auf die Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse (FMEA) zurück, ein genormtes Verfahren, das millionenfach in der Industrie und zunehmend auch in der Medizin eingesetzt wird. Aus drei Rangzahlen – Schwere der Auswirkung, Eintrittswahrscheinlichkeit und Erkennbarkeit – ergibt sich eine Risikoprioritätszahl zwischen 1 und 1000. Werte unter 100 gelten üblicherweise als akzeptables Risiko.
Als Datengrundlage dient eine Bachelorarbeit der HAW Hamburg, die die Masernmeldungen der Hansestadt von 1872 bis 2015 auswertet. Danach hat es in Hamburg seit 1965 keinen Masern-Todesfall mehr gegeben. Auch die schwerste Komplikation, die Enzephalitis, trat zwischen 2001 und 2015 bei mehreren hundert gemeldeten Fällen nur ein einziges Mal auf. Bergholz kommt für den Tod durch Masern auf eine Risikoprioritätszahl von 20, für die Enzephalitis auf 18 – beides weit unterhalb der Eingriffsschwelle.
Zum Vergleich zieht er das Risiko heran, als Kind im Straßenverkehr zu sterben: Auf Hamburg umgerechnet liegt es nach Destatis-Zahlen deutlich über dem Masernrisiko. Niemand käme deshalb auf die Idee, Kinder auszuschließen, die mit dem Auto zur Kita gebracht werden. Seine Schlussfolgerung: Der Kita-Ausschluss ungeimpfter Kinder ist mit den anerkannten Prinzipien der Risikoermittlung nicht zu begründen und verstößt gegen das Diskriminierungsverbot.
Die vollständige Analyse mit Datenanhang und Erläuterung der Expertise des Autors steht hier als PDF zum Download bereit.
Bildquelle: erstellt mit KI-Unterstützung
