veröffentlicht am 18.03.2025; Autor: Dr. med. Michael Palmer
Unser Mitglied Dr. Michael Palmer kommentiert in nachfolgend verlinktem Artikel Aussagen zur Polio-Impfung, die in den beiden populären impfkritischen Büchern „Die Impf-Illusion“ und „Schildkröten bis ganz nach unten“ getroffen werden.
1. Zwei lesenswerte Bücher über die Sicherheit und Wirksamkeit von Kinderimpfstoffen

Abb. 1
Viele Leser werden mit diesen beiden hier abgebildeten Büchern bereits vertraut sein [1,2]. Beide gibt es auch auf Deutsch („Die Impf-Illusion“ und „Schildkröten bis ganz nach unten“). Ich selbst habe allerdings nur die englischen Ausgaben gelesen und beziehe mich hier auf diese.
Beide Bücher enthalten durchaus wertvolle Informationen. Ich schätze „Dissolving Illusions“ vor allem wegen seines reichen Gehalts an historischem Material. „Turtles“ dokumentiert den erstaunlichen Mangel an sachgemäß durchgeführten Studien zum Nachweis der Wirksamkeit und der Sicherheit von Impfstoffen, der anscheinend alle Impfstoffe betrifft. In beiden Büchern fand ich jedoch die Behandlung der Kinderlähmung nicht überzeugend. In der vorliegenden Arbeit konzentriere ich mich ausschließlich auf dieses Thema.
2. Was verursacht Poliomyelitis?
2.1. Die Lehrbuchversion zu Poliomyelitis

Abb. 2
- Orale Virus-Infektion
- Vermehrung des Virus in der Darmschleimhaut, fäkale Ausscheidung
- In einem kleinen Prozentsatz der Infektions-Fälle ist das Rückenmark betroffen, was zu Lähmungserscheinungen führt
Nach der vorherrschenden Lehrmeinung wird die Kinderlähmung durch eine Virusinfektion verursacht. Es gibt drei Stämme des Poliovirus, die allesamt zur Familie der Enteroviren gehören, wie z. B. auch das Hepatitis-A-Virus und die Coxsackie-Viren. Zwei dieser drei Stämme gelten heute als ausgestorben.
Wie bei vielen anderen Enteroviren erfolgt die Infektion durch orale Aufnahme, woraufhin sich das Virus im Darm vermehrt. Es wird mit dem Stuhl ausgeschieden, und fäkale Kontamination führt dann zur oralen Aufnahme durch die nächste Person. Eine solche fäkal-orale Übertragung gibt es auch bei vielen anderen enterischen Krankheitserregern.
Bei der Mehrheit der infizierten Personen beschränken sich die Symptome auf eine milde, uncharakteristische und selbstlimitierende Darmerkrankung. Bei einigen anderen kann es zu einer viralen Meningitis kommen, die sich durch Kopfschmerzen, hohes Fieber usw. äußert, aber noch keine Lähmungserscheinungen verursacht und ebenfalls nicht charakteristisch ist.
Nur selten ist das ZNS selbst betroffen, insbesondere die Motoneuronen im Rückenmark und im Hirnstamm. Durch die Zerstörung dieser Zellen werden die von ihnen gesteuerten Muskelzellen ausgeschaltet, was zu schlaffen Lähmungen führt. Dies geschieht nur bei etwa einer von tausend infizierten Personen. Je nach Ausmaß des Schadens kann die Lähmung vorübergehend oder dauerhaft sein und in einigen Fällen tödlich enden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass gelähmte Patienten ihre motorische Kontrolle teilweise, aber nicht völlig wiedererlangen.
2.2. Poliomyelitis nach „Turtles“
Die Verfasser stellen die gängige Annahme infrage, dass Poliomyelitis eindeutig durch Polioviren verursacht wird. Sie gehen davon aus, dass Polio im 20. Jahrhundert häufiger auftrat als im 19. Jahrhundert und konstatieren eine stärkere Verbreitung in entwickelten Ländern im Vergleich zu Entwicklungsländern. Dies wird als Widerlegung der kausalen Rolle der Polioviren interpretiert.
Das Buch
- stellt die These auf, dass DDT und andere Pestizide die wahren Ursachen der Krankheit sein könnten
- zieht die Wirksamkeit des Polio-Impfstoffs in Zweifel, stützt diese Einschätzung jedoch ausschließlich auf Daten zum Salk-Impfstoff aus den 1950er Jahren, ohne auf die Wirksamkeit des späteren Sabin-Lebendimpfstoffs oder die der modernen inaktivierter Impfstoffe einzugehen
- verweilt ausführlich beim „Cutter-Vorfall“, ohne die daraus ableitbaren logischen Schlüsse zu ziehen und vermittelt ein verzerrtes Bild von Lähmungen, die durch andere Enteroviren verursacht werden
Beide Bücher kritisieren die Lehrbuchtheorie der Kinderlähmung heftig. Dabei ist „Turtles“ besonders radikal, da es die These vertritt, dass die Poliomyelitis überhaupt gar nichts mit Polioviren zu tun hat und stattdessen durch DDT verursacht wurde, und möglicherweise durch andere Umweltgifte. Zur Begründung wird auf epidemiologische „Rätsel“ wie die angebliche Verbindung der Poliomyelitis mit der modernen westlichen Zivilisation hingewiesen.
In ihrem Eifer, die Polioimpfung zu kritisieren, berufen sich die Autoren auf den „Cutter-Vorfall“ aus den 1950er Jahren. Hierbei war es nach dem Verimpfen einiger früher Produktionschargen des Salk-Impfstoffs bei mehreren hundert Empfängern zu Poliomyelitis mit Lähmungen gekommen. Bei diesen Impfstoff-Chargen war die chemische Inaktivierung des Virus nicht ausreichend, so dass einige der Virus-Partikel infektiös blieben. Dies war natürlich eine ernste Angelegenheit, aber die Autoren scheinen völlig zu übersehen, dass es kaum einen besseren Beleg für die kausale Rolle des Virus geben kann, als einen solchen Unfall.
2.3. Poliomyelitis nach „Dissolving Illusions“
- Insgesamt ähnliche Darstellung wie „Turtles“
- Das Buch bestreitet nicht, dass Polioviren Poliomyelitis auslösen können, betont aber dennoch die Rolle von DDT und anderen Faktoren wie
Raffinadezucker, Weißmehl, Alkohol, Tabak, Tonsillektomie, Impfstoffe, Antibiotika, DDT und Arsen (…) Viele Tausende Menschen wurden unnötigerweise gelähmt, weil die Schulmedizin sich weigerte, die Folgen dieser Maßnahmen zu bedenken (…)
„Dissolving Illusions“ ist weniger radikal, stiftet aber dadurch letztlich noch mehr Verwirrung. Einerseits scheinen die Autoren zu akzeptieren, dass Polioviren die Krankheit auslösen können, andererseits suggerieren sie, dass die Sünden und Ausschweifungen der modernen Zivilisation die wahren Ursachen sind – oder vielleicht auch nur alternative Ursachen; diese Frage bleibt unklar.
3. Welche Belege gibt es dafür, dass die Poliomyelitis durch eine Virusinfektion verursacht wird?
- Infektiöse Übertragung zuerst von Ivar Wickman dokumentiert (schwedische Polio-Epidemie von 1905)
- Experimentelle Übertragung der Infektion durch Injektion von einem verstorbenen Kind auf zwei Affen (Landsteiner und Popper, 1909)
- Experimentelle orale Übertragung auf Affen in zahlreichen späteren Studien
- Das Poliovirus kann in der Mehrzahl der klinisch typischen Fälle isoliert werden (und bei tödlichen Fällen aus dem ZNS)
- Wirksamkeit der Impfung (insbesondere des Lebendimpfstoffs)
Eine Übertragbarkeit der Krankheit war bereits von früheren Autoren vermutet worden, aber detaillierte Beweise wurden erstmals von dem schwedischen Kinderarzt Ivar Wickman [3] zusammengetragen. Seine akribische Untersuchung von etwa 1000 Poliomyelitis-Fällen, die während der schwedischen Epidemie von 1905 aufgetreten waren, zeigte überzeugend, dass die paralytische Poliomyelitis nur die schwerste Form der Infektion war. Die meisten Fälle waren in der Tat „abortiv“, d. h. klinisch uncharakteristisch und nicht von Gastroenteritis oder viraler Meningitis anderer Ursache zu unterscheiden. Dennoch konnten auch Patienten mit sehr milden Symptomen die Infektion auf andere Personen übertragen, bei denen es dann wiederum zu Lähmungen kommen konnte.
Wickmans Sorgfalt zeigte sich auch in seinen Versuchen, einen bakteriellen Krankheitserreger zu isolieren. Im Gegensatz zu einigen Zeitgenossen fand er kein solches Bakterium, und schloss daraus, dass ein noch unbekanntes Virus die Ursache sein müsse. Dies wurde bald von anderen Forschern bestätigt.
3.1. Das Experiment von Landsteiner und Popper

Abb. 3
Wickmans Erkenntnisse veranlassten die Wiener Forscher Karl Landsteiner und Erwin Popper, eine experimentelle Infektion von Affen durchzuführen. Dabei verwendeten sie ZNS-Gewebeproben eines Jungen, der der Krankheit erlegen war. Beide Affen, denen sie diese Proben injizierten, erkrankten an Lähmungen, und die Rückenmarks-Läsionen ähnelten denen von menschlichen Opfern der Krankheit. Der Versuch, weitere Tiere mit Gewebeproben des zweiten Affen zu infizieren, schlug allerdings fehl. Der Grund war vermutlich, dass dieser lange genug am Leben geblieben war, um neutralisierende Antikörper zu bilden oder sogar die Infektion ganz auszulöschen. Anderen Forschern gelang es jedoch bald darauf, die Infektion bei Affen und dann auch bei anderen Tieren kontinuierlich zu übertragen.
„Turtles“ bestreitet die Relevanz dieser frühen Ergebnisse, da sie auf Injektion beruhten und nicht auf dem natürlichen oralen Infektionsweg. Das Buch ignoriert jedoch zahlreiche spätere Studien, in denen Poliomyelitis bei Affen nach oraler Infektion ausgelöst wurde. Einige davon sind im Literaturanhang aufgeführt [4–7].
Die Zeichnungen in diesem Bild sind der Originalstudie von Landsteiner und Popper entnommen [8]. Die dunklen Flecken in den beiden Querschnitten durch das Rückenmark sind Infektionsherde mit Einblutungen. Die vergrößerte Ansicht einer einzelnen großen Nervenzelle, die von Immunzellen umgeben ist, zeigt den pathogenetischen Mechanismus der Krankheit: virusinfizierte motorische Nervenzellen werden durch einen Immunangriff zerstört, was zur Lähmung der von ihnen kontrollierten Muskelfasern führt.
Zum Zeitpunkt dieser Experimente gab es noch keine Methoden zur Reinigung und Charakterisierung von Viruspartikeln. Spätere technische Fortschritte führten zur Isolierung von drei immunologisch unterschiedlichen Poliovirus-Stämmen, die alle zur Familie der Enteroviren gehören. Sowohl der Salk-Impfstoff, der aus chemisch inaktivierten Viruspartikeln besteht, als auch der Sabin-Lebendimpfstoff enthalten Derivate aller drei Stämme.1
4. Wirksamkeit der Polioimpfung: frühe Ergebnisse aus der Sowjetunion
- Die Sowjetunion übernahm 1959 den Sabin-Lebendimpfstoff
- Im Jahr 1959 wurden etwa 15 Millionen Menschen geimpft, im Jahr 1960 77,5 Millionen
- Impflinge hauptsächlich im Alter von zwei Monaten bis 20 Jahren
- Zu Vergleichszwecken erhielten einige Verwaltungsbezirke in der UdSSR einen inaktivierten Virusimpfstoff
- Beide Impfstoffe wurden in der Sowjetunion hergestellt
Zwar waren sowohl der inaktivierte („tote“) als auch der Lebendimpfstoff gegen Polio in Amerika erfunden worden, aber dennoch wurde der Lebendimpfstoff zuerst in der UdSSR in großem Maßstab getestet. Die Ergebnisse dieser Impfkampagne (sowie der erhebliche damit verbundene technische und organisatorische Aufwand) wurden in einer Studie von Chumakov et al. [9] beschrieben.
Die Arbeit würdigt die Unterstützung durch Albert Sabin (den Erfinder des Lebendimpfstoffs). Außerdem erörtert sie den Grund für den sofortigen flächendeckenden Einsatz des Impfstoffs: Durch die gleichzeitige Impfung des größten Teils der empfänglichen Bevölkerung sollte das Risiko minimiert werden, dass die Impfvirusstämme von den Impflingen zur nächsten und dann zur übernächsten empfänglichen Person übertragen werden. Solche Infektionsketten könnten es den Impfviren erlauben, Mutationen zu erwerben, die dann ihre Neurovirulenz wiederherstellen würden. Inzwischen wissen wir, dass diese Befürchtung nur zu begründet war: Weniger gründliche und umfassende Impfkampagnen haben tatsächlich zu solchen Mutationen geführt (siehe z. B. [10]).
4.1. Akute Poliofälle pro Jahr in der UdSSR vor und nach Beginn der Impfungen

Abb. 4
Das Ergebnis der Impfkampagne, die Mitte des Jahres 1959 begonnen wurde, ist in dieser Grafik aus einem späteren Artikel [11] zusammengefasst: Die jährliche Inzidenz der Krankheit ging schlagartig stark zurück und blieb in den beiden folgenden Jahrzehnten unverändert niedrig.
In Anbetracht der bereits 1960 erreichten sehr hohen Durchimpfungsrate könnte man sich fragen, warum der anfängliche Rückgang nicht noch drastischer ausfiel, als auf dieser Abbildung zu sehen ist. Anhand der beiden zitierten Studien lässt sich diese Frage nicht eindeutig beantworten [9,11]. Eine denkbare Erklärung sind zunehmend strengere Diagnosekriterien: Möglicherweise wurden die Fälle anfangs nur auf der Grundlage klinischer Befunde diagnostiziert, während in späteren Jahren nur noch Fälle gezählt wurden, die durch den Nachweis des Virus oder spezifischer Antikörper bestätigt wurden. Eine andere denkbare Erklärung wäre, dass die Impfvirusstämme mit der Zeit die zirkulierenden Polio-Wildtyp-Stämme verdrängten. Eine eindeutige Antwort würde wohl eine gründliche Durchsicht der russischen medizinischen Literatur erfordern.
4.2. Wirksamkeit von Polio-Lebendimpfstoff gegenüber inaktiviertem Impfstoff

Abb. 5
Während die meisten jungen Menschen in Russland mit dem Lebendimpfstoff geimpft wurden, erhielten etwa drei Millionen Personen in fünf Verwaltungsbezirken stattdessen einen inaktivierten Impfstoff. Dieses Diagramm (Daten aus [9]) zeigt, dass die Polio-Fallzahlen in diesen Bezirken deutlich höher blieben. Dies weist auf eine eindeutig geringere Wirksamkeit des inaktivierten Impfstoffs hin. Im Bezirk Krasnodar überstiegen die Fallzahlen im Jahr 1960 sogar die nationalen Durchschnittswerte aus den Jahren vor der Impfkampagne.
Die deutlich geringere Schutzwirkung des inaktivierten Impfstoffs könnte auf eine übermäßig intensive chemische Behandlung zurückzuführen sein. Zum Zeitpunkt dieser Kampagne hatte sich der zuvor besprochene Cutter-Zwischenfall in den USA bereits ereignet. Die russischen Wissenschaftler wollten sicherlich eine Wiederholung vermeiden, und sie wandten daher vielleicht eine zu aggressive chemische Inaktivierung an. Dies hätte dann die immunologischen Merkmale der Viruspartikel „entstellt“. Antikörper gegen diese entstellten Oberflächenmerkmale wären weitgehend unwirksam gegen das natürliche Virus gewesen.
Die Produktionsmethoden für den inaktivierten Impfstoff wurden inzwischen verbessert, und einige Länder, die ausschließlich auf diesen Impfstoff setzten, haben damit bessere Ergebnisse erzielt [12]. Dennoch zeigt dieses Diagramm, dass „Turtles“ und „Dissolving Illusions“ einen Fehler machen, indem sie bei der Bewertung der Wirksamkeit von Polioimpfstoffen nur auf die Erfahrungen mit den frühen inaktivierten Impfstoffen aus den 1950er Jahren zurückgreifen.
5. Schwerwiegende Probleme mit Polio-Impfstoffen
- Fehlgeschlagene Immunisierung oder abklingende Immunität
- Personen, die den inaktivierten Impfstoff erhalten haben, können dennoch das Wildtyp-Virus verbreiten (i.e. keine Herdenimmunität)
- Lebendimpfung kann in seltenen Fällen Lähmungserscheinungen verursachen
- Frühe Chargen des inaktivierten Impfstoffs enthielten restliche infektiöse Virus-Partikel, die bei Impflingen zu Lähmungen führten
- Frühe Chargen sowohl des Lebend- als auch des Totimpfstoffs waren mit dem onkogenen Affenvirus SV40 kontaminiert
Auch wenn ich die Beweise für die Wirksamkeit der Impfung gegen Polio für schlüssig halte, will ich damit nicht sagen, dass es keine ernsthaften Probleme mit den Impfstoffen gibt.
Eine fehlgeschlagene Immunisierung oder eine abklingende Immunität sind beim inaktivierten Impfstoff häufiger zu beobachten, aber Infektionen mit Poliovirus-Wildstämmen, die zu Lähmungen führten, sind auch unter Empfängern von Lebendimpfstoffen aufgetreten. Im Prinzip kann man einer abklingenden Immunität durch Auffrischungsimpfungen abhelfen, aber solche Kampagnen haben in der Regel geringere Teilnahmeraten. Dies kann dazu führen, dass eine beträchtliche Anzahl von Menschen nicht ausreichend immun ist und es zu erneuten Ausbrüchen von Polio kommt.
Ein solcher Ausbruch ereignete sich 1996 in Albanien; er wurde Berichten zufolge durch anschließende Massenimpfungen gestoppt. Bei diesem Ausbruch waren vor allem die Altersgruppen zwischen 11 und 35 Jahren betroffen [13]. Es scheint, dass diese Altersgruppen zuvor Impfstoff erhalten hatten, der mehrere Wochen lang ungekühlt gelagert worden war.
5.1. Lebendimpfstoffe und Lähmungen
- Die Impfvirusstämme sind abgeschwächt, können aber bei immungeschwächten Personen dennoch Lähmungen hervorrufen (zahlreiche Fälle wurden gemeldet, einige davon mit tödlichem Ausgang)
- Lebendimpfstoff-Virenstämme können von geimpften auf ungeimpfte Personen übertragen werden, einschließlich immungeschwächten Personen
- Die serielle Übertragung von Impfstoffviren kann zu Mutationen führen, die eine erhöhte Neurovirulenz zur Folge haben
- Es hat mehrere Ausbrüche von Poliomyelitis gegeben, die auf mutierte Impfvirusstämme zurückzuführen sind
Auch wenn die Lebendimpfstoff-Virusstämme weniger virulent sind als die Wildstämme, ist dennoch ein funktionierendes Immunsystem erforderlich, um die Infektion mit diesen Impfviren unter Kontrolle zu halten. Bei Personen mit genetisch bedingten oder erworbenen Immundefekten können auch diese abgeschwächten Virusstämme die Lähmungen verursachen und manchmal auch zum Tod führen.
Die länger anhaltende Vermehrung im Körper eines immungeschwächten Menschen gibt dem Impfvirus außerdem Zeit, zu mutieren und dadurch zu einer erhöhten Virulenz zurückzukehren. Solche mutierten Stämme können dann auf die nicht immune Bevölkerung übertragen werden. Tatsächlich sind mehrere Ausbrüche durch mutierte Impfvirusstämme aufgetreten [10,14,15]. Es ist sogar denkbar, dass solche Stämme die Kinderlähmung nach einer erfolgreichen Ausrottung der Wildtyp-Stämme fortleben lassen werden.
5.2. SV40-Kontamination früher Polio-Impfstoffchargen
Aus einem Standardwerk zur Virologie:
Das nächste [Polyomavirus], das isoliert wurde, war das Affenvirus 40 (SV40). Es wurde 1960 von Sweet und Hilleman entdeckt. Die Autoren untersuchten Proben von Polio-Impfstoffchargen, die in Nierenzellen von Rhesusaffen hergestellt worden waren, auf das Vorhandensein von kontaminierenden Viren. SV40 war das 40. Virus, das bei diesem Screening isoliert wurde (…)
Aus der Arbeit von Sweet und Hilleman selbst:
Hull et al. haben Viren, die in „normalen“ Nierenzellkulturen von Affen vorkommen, eingehend untersucht. Hull bezeichnete sie als Simian [Affen]- oder SV-Viren … 28 dieser Viren wurden in serologische Gruppen eingeteilt, und zusätzlich wurden 24 nicht näher klassifizierte Viren erfasst.
… in einigen Impfstoffchargen könnten auch andere Viren enthalten gewesen sein.
Das Polyomavirus SV40 war als Verunreinigung in frühen Chargen sowohl der Lebend- als auch der inaktivierten Polioimpfstoffe enthalten. Es stammte aus den Affennierenzellen, die zur Vermehrung dieser Impfviren verwendet wurden. Das Standardlehrbuch „Fields Virology“ [16] gibt eine etwas ungenaue Version dieser Ereignisse, aber die darin zitierte Arbeit von Sweet und Hilleman stellt die Sache richtig [17]. Noch bevor diese Autoren tätig wurden, hatten Hull und seine Mitarbeiter bereits eine große Anzahl kontaminierender Affenviren identifiziert.
Alle diese Wissenschaftler taten wohl ihr Bestes, um die Freigabe kontaminierter Impfstoffchargen zu verhindern. Allerdings waren sie für den Nachweis bisher unbekannter Viren auf die Beobachtung zytopathischer Effekte in Zellkulturen angewiesen, d. h. auf das Auffinden von Gruppen infizierter Zellen, die krank aussahen oder abgestorben waren. Es scheint, dass SV40 in den Zellkulturen, die für das Screening dieser Impfstoffchargen verwendet wurden, nicht ohne weiteres solche zytopathischen Effekte hervorrief.
Sweet und Hilleman berichteten bereits 1960 über die wiederholte Isolierung von SV40, aber dennoch gelangten noch über mehrere Jahre danach Impfstoffchargen in Verkehr, die mit dem Virus verunreinigt waren. Es scheint, dass dies von den Behörden vertuscht wurde.
5.3. SV40 und die menschliche Gesundheit
- SV40 induziert in Tierversuchen Tumore
- wurde in verschiedenen Arten menschlicher Tumore nachgewiesen:
- MesotheliomHirntumoreKnochenkrebs
- Non-Hodgkin-Lymphome
- Statistische Studien sind sich uneins über den Zusammenhang zwischen kontaminierten Polioimpfstoffen und Krebs
- Heinonen et al. [18] fanden niedrige absolute Fallzahlen, aber ein erhöhtes relatives Krebsrisiko bei Kindern, die in utero einem Totimpfstoff ausgesetzt gewesen waren
Die Assoziation von SV40 mit einigen menschlichen Tumoren ist wohl unumstritten, aber über die kausale Rolle des Virus bei diesen Tumoren herrscht noch keine Einigkeit [19]. Es ist unklar, inwieweit SV40-kontaminierte Polioimpfstoffe das Risiko für solche Krebserkrankungen erhöht haben. Die meisten statistischen Studien finden keine eindeutigen Hinweise auf ein Krebsrisiko durch diese Impfstoffe [20].
Eine Studie sticht jedoch hervor – sowohl wegen ihrer Ergebnisse als auch aufgrund der Zusammensetzung der untersuchten Personengruppe. Heinonen et al. [18] untersuchten das Krebsrisiko bei Kindern, die im Mutterleib exponiert worden waren, d. h. die Mütter dieser Kinder hatten während der Schwangerschaft den Totimpfstoff gespritzt bekommen. Obgleich die absoluten Fallzahlen von Krebs bei diesen Kindern nicht sehr hoch waren, war dennoch das relative Risiko deutlich erhöht.
In diesem Zusammenhang ist relevant, dass andere Polyomaviren bei immungeschwächten Patienten Krankheiten verursachen können. Das JC-Virus verursacht die progressive multifokale Leukenzephalopathie, d. h. eine umfassende Degeneration des Gehirns, während das BK-Virus eine zerstörerische Erkrankung der Nieren verursacht.
Auch Embryonen und frühe Föten verfügen noch nicht über ein funktionierendes Immunsystem; dies macht sie beispielsweise anfällig für schwere Schäden durch das Rötelnvirus, welches nach der Geburt nur sehr selten eine schwere Erkrankung verursacht. Es ist daher denkbar, dass eine Exposition gegenüber SV40 im Mutterleib eine sich weiter ausbreitende Infektion verursacht, die sich zwar nicht so dramatisch wie Röteln äußert, aber dennoch irgendwann nach der Geburt zu Krebs führen kann.
6. DDT und Polio
Wie bereits erwähnt, behaupten sowohl „Turtles“ als auch „Dissolving Illusions“, dass DDT seinerzeit eine der Hauptursachen für epidemische Poliomyelitis war. Wir können die russischen Daten nutzen, um diese These zu überprüfen.
6.1. DDT-Einsatz in der UdSSR nach Regionen

Abb. 6
In der UdSSR wurde DDT hauptsächlich in der Landwirtschaft eingesetzt. Diese Grafik [21] zeigt die Gesamtmengen, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts pro Flächeneinheit in der Sowjetunion eingesetzt wurden. Die Ukraine bildete die reichste und fruchtbarste Region des Landes, und dementsprechend wurde dort auch am meisten DDT eingesetzt.
6.2. Polio in der Ukraine vs. UdSSR insgesamt

Abb. 7
Da in der Ukraine die größten Mengen DDT eingesetzt wurden, sollte man in diesem Gebiet eine höhere Polio-Inzidenz erwarten als im Rest der Sowjetunion (und damit auch als im Landesdurchschnitt). Dieses Diagramm zeigt jedoch, dass die Inzidenz in der Ukraine sowohl vor als auch nach dem Beginn der Impfung dem nationalen Durchschnitt entsprach [9].
6.3. Zeitlicher Verlauf der Polio-Inzidenz und des DDT-Einsatzes in der UdSSR

Abb. 8
Dass DDT nicht die Ursache von Poliomyelitis war, geht auch aus diesem Diagramm hervor, das den zeitlichen Verlauf des Auftretens von Polio [11] dem des DDT-Einsatzes [21] in der Sowjetunion gegenüberstellt.
Die Polio-Raten gingen unmittelbar nach der Einführung der Impfung drastisch zurück, obwohl DDT noch etwa ein Jahrzehnt lang weiterhin auf hohem Niveau eingesetzt wurde. Als man schließlich die Ausbringung von DDT auslaufen ließ, führte dies nicht zu einem weiteren Rückgang der ohnehin schon sehr niedrigen Inzidenz von Poliomyelitis.
6.4. „Dr. Biskind zieht in die Schlacht“
Die Autoren von „Turtles“ zitieren einen Dr. Morton Biskind, um ihre eigene Geschichte über die Verursachung von Polio durch DDT zu untermauern:
Während eines Zeitraums von mehr als zwei Jahren traten zahlreiche Fälle einer merkwürdigen Kombination von Symptomen auf, über die anscheinend noch nie zuvor berichtet worden war … [diese Kombination] wurde allgemein auf eine Infektion mit einem bislang illusorisch gebliebenen „Virus“ zurückgeführt. [22]
Die hohe Inzidenz, das übliche Fehlen einer Fieberreaktion … deuteten eher auf eine Vergiftung als auf eine Infektion hin (…) [dies] legte bald DDT als mögliche Ursache nahe [23].
Der Titel dieses Abschnitts ist direkt aus „Turtles“ entnommen. Die Autoren ernennen also Dr. Morton Biskind posthum zum Verfechter ihrer gescheiterten DDT-Hypothese. Ein genauerer Blick auf Biskinds Aussagen zeigt jedoch, dass er nichts dergleichen im Sinn gehabt hatte.
6.5. Was stimmt hier nicht?
- Biskind führt eine Kombination von Symptomen an, über die „noch nie zuvor berichtet wurde“ – aber das klinische Bild von Polio ist bekannt
- Polio beginnt typischerweise mit einer fieberhaften Infektion, in der Regel mit Erbrechen und Durchfall, und oft auch mit Kopfschmerzen und Meningismus. Biskinds Worte „Fehlen einer fieberhaften Reaktion“ beschreiben also keinesfalls das typische Bild von Polio
- Das neue „Virus X“ war gerade deshalb postuliert worden, weil diese Fälle eben nicht der Kinderlähmung oder irgendeiner anderen bekannten Infektionskrankheit ähnelten
- In seiner Arbeit aus dem Jahr 1949 erwähnt Biskind die Poliomyelitis nur einmal, in einer Fußnote:
Es versteht sich von selbst, dass Befunde, die sich auf das Nervensystem beziehen, sowie Muskelkrämpfe und -schwäche bei schweren akuten Erkrankungen dieser Art zu Verwechslungen mit Krankheiten wie Meningitis und Poliomyelitis geführt haben.
Biskind postuliert, dass DDT wahrscheinlich zahlreiche Vergiftungsfälle verursacht hat. Aber er unterstellt seinen Kollegen nicht, dass sie diese mit Polio verwechselten, sondern dass sie sie fälschlich einer neuen, noch unbekannten Infektion zuschrieben. Nur einzelne Fälle wurden mit bekannten Krankheiten wie Meningitis oder Polio verwechselt. Solche Irrtümer werden immer einmal vorkommen, aber Biskind räumt ihnen nicht mehr als eine Fußnote ein.
„Dissolving Illusions“ begeht den gleichen Fehler wie „Turtles“. Es führt Biskinds Arbeit von 1949 als Beleg für die folgende Aussage an:
In den von Kinderlähmung und Angst geprägten Sommern wussten viele Eltern nicht, dass die Exposition gegenüber DDT allein Symptome hervorruft, die von einer Poliomyelitis nicht zu unterscheiden sind – selbst wenn kein Virus vorhanden ist.
Biskinds Worte sind unmissverständlich und ihre Bedeutung weicht deutlich von der Interpretation ab, die ihnen in „Turtles“ und „Dissolving Illusions“ zugeschrieben wird.
Korrektur: Zoey O’Toole, die amerikanische Übersetzerinvon „Turtles“, hat mich darauf hingewiesen, dass Dr. Biskind in einigen späteren Artikeln tatsächlich deutlicher seinen Verdacht zum Ausdruck brachte, dass Fälle von DDT-Vergiftungen mit Polio verwechselt worden waren:
„Wenn die Bevölkerung einem chemischen Wirkstoff [DDT]
ausgesetzt ist, von dem bekannt ist, dass er bei Tieren
Rückenmarksläsionen hervorruft, die denen bei menschlicher Polio
ähneln, und danach die Inzidenz der letzteren Krankheit stark
zunimmt und ihren epidemischen Charakter Jahr für Jahr beibehält,
ist es dann unvernünftig, einen ätiologischen Zusammenhang zu
vermuten?“
„Turtles“ zitiert tatsächlich das Papier, das diese Aussage
enthält, während „Dissolving Illusions“ dies nicht tut. Diese
Korrektur entkräftet zwar meine Kritik an der Verwendung von Dr.
Biskind als Zeuge, bestätigt aber nicht die wissenschaftlichen
Argumente der beiden Bücher.
7. Lähmungen trotz Polio-Impfung
Beide Bücher besprechen Lähmungserscheinungen, die auch in der Impfära noch auftreten, und erwecken dabei den Eindruck, dass diese Krankheiten das herkömmliche Verständnis der Kinderlähmung irgendwie entkräften. Diese Darstellung entbehrt jedoch jeder Grundlage.
7.1. Poliomyelitis ohne Poliovirus
- Es wurde nachgewiesen, dass mehrere andere Enteroviren die gleiche Krankheit und die gleichen Läsionen im Rückenmark verursachen können
- Verlauf in der Regel klinisch milder als beim Poliovirus, aber Enterovirus 71 hat sich bei einigen Ausbrüchen als hoch neurovirulent erwiesen
- Die „nichtparalytische Poliomyelitis“ ist klinisch nicht charakteristisch – die Verwirrung in diesem Punkt beruht nur auf der unpräzisen Nomenklatur
Die Frage von Poliomyelitis ohne Polioviren wurde 1981 von Sabin auf sehr verständliche Weise erklärt [24], aber keines der beiden Bücher zitiert diese ausgezeichnete Arbeit. Sabin zählt die Enteroviren auf, die bereits damals als alternative Ursachen von klinischer Poliomyelitis entdeckt worden waren. Im Einzelfall sind diese Krankheitsbilder klinisch und pathologisch nicht von denen zu unterscheiden, die durch die „klassischen“ Polioviren verursacht wurden, aber im Durchschnitt ist der klinische Verlauf milder.
Bei der Bewertung der relativen Bedeutung dieser Virusstämme ist selbstverständlich zu berücksichtigen, dass die Polioimpfung die Häufigkeit der durch die „klassischen“ Polioviren verursachten Krankheit sehr stark reduziert hat. Die Impfung schützt aber natürlich nicht vor diesen erst später entdeckten Viren. Ein signifikanter Beitrag dieser „neuen“ Viren zu der nach Anwendung der Polioimpfstoffe noch verbleibenden Gesamthäufigkeit der Krankheit schmälert also nicht den Nutzen dieser Impfstoffe.
In beiden Büchern wird auch darauf hingewiesen, dass die Isolierung von Polioviren in klinisch diagnostizierten Fällen von „nicht-paralytischer Poliomyelitis“ häufig scheitert. Diese Diagnose ist jedoch im Grunde falsch und widersprüchlich. Der Begriff „Poliomyelitis“ bezieht sich eigentlich auf einen pathologischen Befund, nämlich eine Entzündung der grauen Substanz des Rückenmarks, die zwangsläufig zu einer zumindest vorübergehenden Lähmung führt.
Um solche Verwirrung zu vermeiden, hatte Wickman bereits 1907 den Namen „Heine-Medin-Krankheit“ vorgeschlagen, der sowohl paralytische als auch nicht-paralytische Infektionen mit demselben (damals noch hypothetischen) Erreger umfassen sollte [3]. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass während einer anhaltenden Polio-Epidemie einige Fälle von Gastroenteritis oder viraler Meningitis zunächst dem Poliovirus zugeschrieben werden, sich letztlich aber als durch andere Erreger verursacht herausstellen. Der genaue Prozentsatz solcher Fehldiagnosen lässt natürlich keinerlei Rückschlüsse auf die tatsächliche Bedeutung des Poliovirus zu.
7.2. Paralytische Poliomyelitis trotz Impfung
Hierfür gibt es mehrere mögliche Ursachen:
- Andere neuropathogene Viren (insbesondere Enteroviren)
- Fehlgeschlagene Immunisierung oder schwindende Immunität
- Andere akute neurologische Erkrankungen können klinisch schwer zu unterscheiden sein, z. B. die Polyradikulitis (Guillain-Barré-Syndrom)
Wir haben bereits einige dieser Ursachen angesprochen. Der Lebendimpfstoff wird oral verabreicht und verursacht ebenso wie das Wildtyp-Virus eine Magen-Darm-Infektion. Das heißt, dass er ebenfalls mit dem Stuhl ausgeschieden wird und auf andere Personen übertragen werden kann. Wie bereits erwähnt, können im Verlauf solcher Infektionsketten Mutationen auftreten, durch die das Virus zu einer höheren Virulenz zurückkehrt. Dies stellt auch ein Risiko für immungeschwächte Personen dar, die nicht nur durch die Impfung selbst, sondern auch indirekt durch die Ausscheidung des Impfvirus infizierter Personen gefährdet werden können.
Das Guillain-Barré-Syndrom (Polyradikulitis) ist manchmal schwer von der Poliomyelitis zu unterscheiden, obwohl eine Kombination von virologischen, immunologischen und elektrophysiologischen Tests (und ggf. Nervenbiopsien) die meisten klinisch zweideutigen Fälle aufklären sollte. Die Krankheit ist auf eine kreuzreaktive Autoimmunität zurückzuführen, die durch natürliche Infektionen ausgelöst werden kann, aber auch durch Impfungen, einschließlich der Polio-Impfung.
Wenn man eine solide Risiko-Nutzen-Analyse der Polio-Impfung vornehmen möchte, dann muss man die hier aufgeführten Krankheitsformen sicherlich berücksichtigen. Aber weder „Turtles“ noch „Dissolving Illusions“ bemühen sich ume eine solche ausgewogene Bewertung.
8. Ist die Poliomyelitis wirklich eine Zivilisationskrankheit?
- Ist die Kinderlähmung im Westen wirklich erst seit dem 20. Jahrhundert weit verbreitet?
- War die westliche Bevölkerung während der Kolonialzeit tatsächlich stärker von Polio betroffen als Einheimische?
- Sind edle Wilde wirklich vor Poliomyelitis geschützt?
Die Vorstellung, dass Polio eine Zivilisationskrankheit sei, zieht sich durch einen Großteil der Literatur über diese Krankheit, und unsere beiden Bücher greifen sie natürlich mit Begeisterung auf. Aber hält sie einer genauen Prüfung stand?
8.1. Erkenntnisse von Jabob Heine aus dem Jahr 1860
- Deutscher Orthopäde und der erste Arzt, der die Krankheit systematisch untersuchte
- Er behandelte 192 Poliomyelitis-Patienten in seiner eigenen Klinik
- In Bezug auf die Prävalenz der Krankheit stellte er fest:
[Das Leiden] darf wohl mit Recht als ein überall verbreitetes bezeichnet werden und zwar nicht nur auf unserm Welttheil, sondern es sollen … solche plötzliche Lähmungen bei kleineren und sonst kräftigen Kindern auch in Indien häufig vorkommen, und Aehnliches hören wir von Aegypten und anderen aussereuropäischen Ländern. Ein anderer Autor, Colmann, erwähnt sogar ein epidemisches Auftreten derselben … auch gehören fast alle paralytischen Verkrümmungen, die sich aus der Kindheit datiren, dieser Form von Lähmung an.
Unter den insgesamt spärlichen Quellen zur Poliomyelitis aus dem 19. Jahrhundert ragt die Monographie “Spinale Kinderlähmung” [25] von Jacob Heine heraus. Heine war der erste Arzt, der diese Krankheit zum hauptsächlichen Gegenstand seiner Arbeit machte. Nach seinen eigenen Angaben erzielte er beachtliche Erfolge bei der Behandlung der Lähmungserscheinungen. Das oben angeführte Zitat, sowie die beträchtliche Anzahl der von ihm selbst behandelten Patienten geben keinen Anlass zu der Annahme, dass die Krankheit zu seiner Zeit weniger verbreitet war als 100 Jahre später.
Ein weiterer Beleg ist sind Wickmans Studien zur schwedischen Polio-Epidemie – auch wenn diese etwas später auftrat, nämlich kurz nach der Jahrhundertwende. Wickman fand heraus, dass die Krankheit in den ländlichen Bauerndörfern häufiger auftrat als in den Städten. Auch dieser Befund liefert keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass Modernität in irgendeiner Weise für die Ausbreitung verantwortlich war.
Eine plausiblere Erklärung für den wahrgenommenen Bedeutungszuwachs der Kinderlähmung ist, dass sie nicht in gleichem Maße zurückging wie andere bedrohliche Kinderkrankheiten wie zum Beispiel Diphtherie.
8.2. Ein mutmaßlicher Fall von Kinderlähmung auf einer Stele aus dem alten Ägypten

Abb. 9
Diese ägyptische Stele wurde auf etwa 1500 Jahre vor Christus datiert. Sie zeigt den Wächter des Tempels der Göttin Astarte, samt Frau und Sohn. Die Atrophie und die Deformierung des rechten Beins lassen natürlich Kinderlähmung nur vermuten, sind aber kein Beweis dafür. Es gibt jedoch eine ganze Reihe von Skeletten aus dem Altertum und dem Mittelalter mit Deformationen, die von den Anthropologen, die sie untersucht haben, auf Kinderlähmung zurückgeführt worden sind [26].
8.3. Albert Sabin über das Auftreten von Polio in China
Im Jahr 1946 untersuchte ich einen Ausbruch von Poliomyelitis unter US-Marines in Tientsin, China. Damals wurde mir gesagt, dass paralytische Poliomyelitis in China extrem selten sei. Aber einige Jahre später berichteten Ku Fang-chou et al. über eine sehr hohe Inzidenz von paralytischer Poliomyelitis in Tientsin, Shanghai und Tsingtao in den Jahren 1957-1959 … die durchschnittlichen jährlichen Raten der gemeldeten paralytischen Fälle von 144, 263 und 353 pro Million Gesamtbevölkerung in diesen drei Städten waren höher als die ca. 135 gemeldeten paralytischen Fälle pro Million Gesamtbevölkerung in den Vereinigten Staaten während der Ära vor der Impfung von 1951 bis 1955.
Sabin, ein hervorragender Arzt und Wissenschaftler, widmete sein Leben dem Verständnis und der Bekämpfung der Poliomyelitis. Gegen Ende seiner Karriere kam er zu dem Schluss, dass „das Dogma über die paralytische Poliomyelitis in den Tropen zum Großteil auf offensichtlich unvollständiger amtlicher Erfassung beruhte“ [24].
8.4. Damit bleiben nur noch die edlen Wilden …
„Dissolving Illusions“ zitiert eine Studie von Neel et al. [27], die den isoliert lebenden brasilianischen Stamm der Xavante betrifft:
Das Paradoxon, dass in so stark infizierten Gruppen wie dieser trotz hoher Antikörpertiter praktisch keine paralytische Poliomyelitis auftritt, ist bekannt, aber über die Interpretation dieser Beobachtung wird noch diskutiert.
Aber wie rätselhaft ist diese Beobachtung wirklich?
- Neel berichtet, dass „es heute zwischen 1500 und 2000 Xavante gibt, die in einer Reihe von autonomen Gemeinden entlang des Rio das Mortes leben (…)“
- Geht man von der gleichen Inzidenz wie in den USA vor der Impfung aus, dann sollte es unter den Xavante etwa 0,2 bis 0,25 neue Fälle pro Jahr geben
Neel erwähnt auch, dass seine Studie „während des Sommers 1962 durchgeführt wurde“, d. h. sie dauerte weniger als ein ganzes Jahr. Selbst wenn man bedenkt, dass Poliomyelitis im Sommer häufiger auftritt als im Winter – wobei jedoch diese Saisonabhängigkeit in wärmeren Klimazonen weniger ausgeprägt ist – dann bedeuten die oben genannten Zahlen, dass Neels Chancen, auch nur einen einzigen akuten Fall mitzuerleben, ziemlich gering gewesen wären.
Hätte Neels aber nicht wenigstens Fälle von anhaltenden Lähmungen beobachten sollen? Seine vage Schätzung der Bevölkerungszahl („zwischen 1500 und 2000 Xavante“) deutet stark darauf hin, dass er diese Bevölkerung nicht selbst genau unter die Lupe genommen hat, so dass er wohl kaum die Gelegenheit zu solchen Beobachtungen hatte. Es bleibt also eigentlich von dem Geheimnis nichts mehr übrig, das man erklären müsste.
9. Zusammenfassung
Beide Bücher
- berichten über wichtige Tatsachen und Probleme im Zusammenhang mit Polioimpfstoffen, bieten aber keine ausgewogene Perspektive
- ignorieren klare Belege für die Wirksamkeit der Lebendimpfstoffe
- propagieren die Idee, dass die Krankheit durch das Insektizid DDT verursacht wird, welche zwar naive „grüne“ Vorurteile bedient, aber einer genauen Überprüfung nicht standhält
- beschäftigen sich und den Leser mit epidemiologischen „Rätseln“, die ebenfalls keine solide Grundlage haben
Beide Bücher enthalten zwar wichtige Informationen zu Polioimpfstoffen, die Teil jeder soliden Risiko-Nutzen-Analyse sein müssen, aber sie bieten selbst keine ausgewogene, realistische Gesamtperspektive. Daher sollten diese Bücher nicht als alleinige Informationsquellen bei der Entscheidung für oder gegen eine Polioimpfung herangezogen werden.
Danksagung
Ich danke Prof. Martin Haditsch für wertvolle Hinweise und Korrekturen.
Anmerkungen
Nach dem offensichtlichen Aussterben eines der Wildtyp-Stämme wurden bivalente Impfstoffe gegen die beiden verbleibenden Stämme eingeführt. Inzwischen gilt ein zweiter Stamm als ausgestorben. Die entsprechenden “ausgewilderten” Impf-Viren sind allerdings noch im Umlauf.
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Bildquelle:
Die ägyptische Stele (Abb. 9) steht in dem Museum „Carlsberg neue Glyptothek“ in Kopenhagen.
