veröffentlicht am 04.12.2024; Autor: Prof. DDr. Harald Walach, 1. Vorsitzender der MWGFD
Im Freiburger Münster ist kürzlich der Priester Max Josef Metzger selig gesprochen worden. Er wurde 1943 vom NS-Volksgerichtshof zum Tode verurteilt – unter anderem wegen seines Aufrufs zum Frieden. MWGFD-Vorstand Harald Walach sieht die Ehrung des Pazifisten durch die Katholische Kirche als positives Signal und mahnt zur Rückbesinnung auf die christliche Friedensbotschaft: für den Frieden ein- und aufzustehen.
Der Schauspieler Carlo Kitzlinger hat nachfolgenden Text freundlicherweise eingesprochen, als Angebot für Menschen, die lieber zuhören als lesen.
Gedanken zur Seligsprechung von Max Josef Metzger
Am 17. November war ich bei einer sehr speziellen Feier: Im Freiburger Münster wurde der Priester Max Josef Metzger selig gesprochen (https://www.katholisch.de/artikel/57583-ns-maertyrer-max-josef-metzger-in-freiburg-selig-gesprochen). Metzger wurde im Oktober 1943 vom nationalsozialistischen Volksgerichtshof wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und im April 1944 in Brandenburg auf dem Schafott hingerichtet. Sein Verbrechen? Aufruf zum Frieden und Ablehnung der menschenverachtenden Ideologie der Nationalsozialisten. Metzger stammte aus dem badischen Schopfheim und wirkte lange in der Nähe von Augsburg. Die letzten Jahre verbrachte er in Berlin. Ein nach ihm benannter Platz in Berlin lag über 14 Jahre lang 200 Meter entfernt von dem Ort, an dem ich in Berlin wohnte und an dem ich oft vorbeispaziert bin. Schon Ende der 30er Jahre wurde Metzger zweimal verhaftet und eingesperrt. Das hinderte ihn nicht, seine Botschaft vorzubringen: Pazifismus, Frieden und Völkerverständigung. Dafür ging er in den Tod. Bewusst. Denn es war ihm klar: mit Worten alleine wird nichts bewegt werden. Schon gar nicht in der kriegstreiberischen Zeit des Nationalsozialismus. Im Gefängnis in Brandenburg verbrachte er die letzten Wochen mit gefesselten Händen. Und mit gefesselten Händen schrieb er sein Vermächtnis auf: Briefe, Lieder, Texte an seine Freunde und Weggefährten, an Papst und Bischöfe. Darüber, wie wichtig der Friede sei und dass man das Gemetzel beenden müsse. Und dass das nur möglich wäre durch die Hinwendung zu Christus.
Ich fand diese Feier sehr bewegend. Berührt hat mich vor allem, dass in dieser Zeit, in der möglicherweise viele Brandherde zu einem Großbrand verschmelzen könnten, der Zelebrant, Erzbischof Kurt Koch aus Berlin, die Bedeutung von Metzgers Friedensbotschaft herausgehoben hat (https://de.catholicnewsagency.com/article/2583/kardinal-koch-predigt-bei-seligsprechung-von-1944-exekutiertem-priester-max-josef-metzger). Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen in einer Zeit voller Bedrohung.
Es gemahnt uns:
Die christliche Botschaft und das Erbe des christlichen Abendlandes kann in diesen Tagen nur eine sein: Für den Frieden ein- und aufzustehen. „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben… Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ lesen wir in der Bergpredigt (Mt 5,5ff.). Dort heißt es nicht, dass es unsere Aufgabe sei, andere Völker mit Waffengewalt über die von uns erkannte Wahrheit zu belehren. Ich weiß, sowohl die Kirche als auch die von ihr gesegneten Heere waren alles andere als friedfertig in unserer langen Geschichte. Aber dies sollte uns eines gelehrt haben: Krieg und Gewalt sind nie, gar nie, probate Mittel um Gewalt zu verhindern. Der Philosoph und Theologe, der über Jahrhunderte das Denken in unseren Breiten prägte, Thomas von Aquin, behandelt die Frage nach dem Krieg im zweiten Teil des zweiten Buches seiner theologischen Summe (II.II-Q.40). Krieg, sagt er, ist immer eine Sünde, außer in Situationen, in denen eine gerechte Sache, mit wohlwollender, guter Intention von einem Fürsten befohlen wird. Was nun genau gerecht ist und wie sich eine gute Intention äußert, darüber kann man sicher trefflich streiten.
Aber sehenden Auges eine Situation herbeiführen, bei der möglicherweise eine atomare Eskalation droht, kann aus meiner Sicht keine gute Intention sein. Und dies im Namen von „westlichen Werten“ zu tun, von denen die wenigsten sagen könnten, was diese genau sind, scheint mir keine wirklich „gerechte Sache“ zu sein.
Metzger kannte seine Zeit und deren Sachwalter und hat daher gesehen, dass weder die Sache der Nazis gerecht war noch ihre Intention gut, und deswegen hat er zum Frieden aufgerufen. Vielleicht hat er auch gesehen, dass in einer Zeit, in der es kaum mehr die Chance auf begrenzte und begrenzbare Konflikte gibt die Rede vom „gerechten Krieg“ immer mehr an Sinn verliert. Dies gilt umso mehr für unsere heutige Zeit, in der die Gefahr einer atomaren Eskalation im Raum steht.
Ich kann mich nur noch wundern: Eine Partei, die das Attribut „Christlich“ in ihrem Namen führt, wirbt dafür, Angriffswaffen in die Ukraine zu exportieren, von wo aus sie russisches Gebiet erreichen können. Ich bin mir nicht sicher, ob allen klar genug ist, dass nur deutsche Soldaten diese Waffen bedienen können, Deutschland also damit zur aktiven Kriegspartei wird – passiv sind wir das ja längst – und damit auch zum potenziellen Ziel eines Gegenschlages? Eine Partei, die aus der Friedensbewegung hervorgegangen ist, hat die blindesten Kriegstreiber in die Exekutive geschickt?
Vielleicht sollten wir eine kleine historische Rückblende vornehmen: 1963. Die Sowjetunion stationiert Soldaten und Mittelstreckenraketen auf Kuba; wie sich später herausstellte waren sie bestückt mit nuklearen Sprengköpfen. Der amerikanische Geheimdienst deckt mit Satellitenaufnahmen diese Aktionen auf. CIA und Militärstab drängen auf einen Militärschlag. Präsident Kennedy nimmt Kontakt mit seinem Kollegen Chruschtschow auf, der als Generalsekretär der KPdSU das Sagen hat. In einer Serie von direkten und damals geheimen Gesprächen gelingt es, die erste ernsthafte Atomkrise seit Beginn des Kalten Krieges abzuwenden. Die Entfernung von Kuba nach Miami beträgt ca. 420 Kilometer. Die Entfernung von Kuba nach Washington ca. 1890 Kilometer. Der US-Präsident hatte damals, vermutlich absolut zu Recht, den Eindruck einer existenziellen Bedrohung und sah die Stationierung der Raketen auf Kuba als aggressiven Akt, dem er mit präventiver Aggression begegnet wäre, wenn ihm Chruschtschow nicht geglaubt hätte und entsprechend mit dem Rückzug der Raketen reagiert hätte. Kennedy hatte ihm im Gegenzug versprochen, amerikanische Raketen aus der Türkei zurückzuziehen. [1]
Die Entfernung von Kiew oder Charkiw nach Moskau beträgt 650 Kilometer bzw. 750 Kilometer. Wenn nun „der Westen“, genauer gesagt die Bundesrepublik, in dieser Region Waffensysteme installiert, die das Zentrum der russischen politischen Macht und Kultur erreichen können, wie genau wird wohl, nach Meinung der Kriegstreiber, Russland darauf reagieren? Die Entfernung von Königsberg/Kaliningrad nach Berlin beträgt 527 Kilometer. Dort sind russische Raketen stationiert. Ich wünsche mir nicht, dass Herr Merz ins Kanzleramt einzieht, und falls doch, wünsche ich ihm gewiss nicht, dass ihn dort eine russische Rakete mit samt seinem Stab in Schutt und Asche legt.
Wie blind und geschichtsvergessen muss man eigentlich sein, in einer solchen Situation darüber öffentlich und laut nachzudenken, Angriffswaffen „Made in Germany“ in diesem Kriegsgebiet zu stationieren? Vielleicht sollte man sich auch an die beiden letzten Versuche erinnern, russisches Territorium zu erobern. 1812 scheiterte Napoleon, 1943 Hitler.
Politiker, die zum Krieg aufrufen in einer Situation, in der wir als Nation nicht unmittelbar bedroht sind, sind aus meiner Sicht untragbar und unwählbar. Denn sie verraten das, was sie gelobt haben zu schützen oder vielleicht in Zukunft geloben werden, nämlich die Wohlfahrt der Bürger ihres Staates. Das Gerede von „westlichen Werten“ ist ideologisches Gefasel. Denn im Grunde geht es vor allem um macht- und geopolitischen Einfluss des Westens. Doch solche Motive fallen nicht unter die „gute Intention“. Diese definiert Thomas von Aquin so: „dass Gutes vorangebracht wird, oder dass Böses vermieden wird – ut bonum promoveatur, vel ut malum vitetur“. Wer Angriffswaffen liefert, bringt weder Gutes voran noch vermeidet er Böses. Vielmehr wird er Blut säen und Rache ernten.
Max Josef Metzger hat sich in einer Zeit, in der es sehr viel gefährlicher war als heute, öffentlich immer wieder für Frieden eingesetzt, mitten in Zeiten des Krieges. Die Katholische Kirche hat ein deutliches Zeichen für Frieden gesetzt, indem sie die Seligsprechung dieses Mannes ausgerechnet jetzt öffentlich machte. Die Zeichen der Zeit sollte man lesen können. Denn, wer zu spät kommt, den bestraft die Geschichte, sagte sinngemäß der letzte Sekretär der KPdSU Gorbatschow. Und was dann kam, wissen wir.
Wir sollten daher den Frieden wählen.
1. Bröckers M. JFK – Staatsstreich in Amerika. Frankfurt: Westend; 2023, orig. 2017.
