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Eine Wintergeschichte gegen das Vergessen

geschrieben von unserer Unterstützerin Franka; veröffentlicht am 23. Dezember 2023

Einen Tag vor Heiligabend möchten wir mit Euch diese absurde, wenngleich tragische Wintergeschichte teilen, die uns von unserer Unterstützerin Franka an die Hand gegeben wurde. Sie wurde gegen das Vergessen und das „So-schlimm-war-es-doch-gar-nicht“ geschrieben. Auch wir halten es mit Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist dem Menschen (Anm. d. Verf.; und auch unseren Kindern) zumutbar“

Es gab da mal einen Film über so eine kleine Familie im KZ, vielleicht hieß er „Das Leben ist schön“; die darauf aufbauende Eiskunstlaufkür aus einem ehemaligen Ostblock-Land sah sich dann jedenfalls dem Vorwurf der „Holocaust-Verharmlosung“ ausgesetzt. Ich kenne den Film gar nicht, aber es geht wohl im Kern darum, dass die Eltern ihrem Kind vorgaukeln, das alles sei nur ein großes Spiel. Nicht real. Nicht wichtig. Alles gut. Und so leben sie ihr kleines, richtiges Leben im großen falschen, obwohl es das gemäß einem Sprichwort gar nicht geben kann.
 
So war mein Winter 21/22.
Jeder fünfte Leser (statistisch gesehen) wird jetzt (je nach Temperament) aufspringen und ausrufen: „Ja, genau so!“
Für die anderen vier zur Erinnerung: damals galt 2G bzw. später 2G+. Das „+“ stand für den zusätzlichen Test, den Geimpfte und Genesene brauchten, da durchaus bekannt war, dass diese trotzdem Corona verbreiten konnten; und es gibt Etliche, die sich nur deshalb boostern ließen, um darum herumzukommen. Trotz dieser Erkenntnis waren „die Ungeimpften“ jedoch gänzlich außen vor, selbst mit Testnachweis. Viele von ihnen versuchten daher, an den Genesenenstatus zu kommen – es war jedoch gar nicht so einfach, sich bewusst anzustecken, trotz Küssen, selber-Löffel-Verwendung, gekauter-Kaugummi-Weitergabe etc.
Kurz, trotz zweier „Ratten“-Kinder in verschiedenen Einrichtungen, absoluter Hygiene-Sorglosigkeit und des Besuchs von „Superspreader“-„Spaziergängen“ und -Partys hatten wir keinen akzeptierten „Status“ vorzuweisen.
 
Und wollten trotzdem unsere Winterferien nutzen.
Ich war zwar nicht schwanger, und meine Kinder entstanden auch nicht durch Jungfrauenzeugung – aber so musste die biblische Maria sich gefühlt haben: wir wurden nicht beherbergt. Und auch nicht bewirtet. Konnten keinen Skilift benutzen – ja, ich wurde sogar am Liftklo mit meinem Kleinen abgewiesen. (Wintersport-)Fachgeschäfte waren natürlich auch tabu.
 
Glücklicherweise war unser Bedarf an letzteren gedeckt, und wir hatten einen unzuverlässigen Camper – also auf, mit dem Kopf durch die Wand. Und: immer so tun, als wäre das völlig normal so!
Suppe oder Eintopf wurde am Vortag vorgekocht, und dann ging es auf ins Skigebiet. (Mit funktionierender Standheizung hätte ich dort sogar noch wild campiert.)
Am Vormittag wurde der Berg mit den Schlitten im Schlepptau und Tee im Gepäck hochgestapft, und nach der langen Abfahrt war es dann eh an der Zeit, das Vorgekochte im Camper aufzuwärmen und dort zu genießen. Laut Internet galt sogar auf der Rodelpiste 2G – nun ja, wo keine Kontrolle – Schlitten auszuleihen ging definitiv nur Indoor, mit 2G-Nachweis.
Am Nachmittag ging es dann „traditionell“ auf den Idiotenhügel – d. h. jeweils hochlaufen und mit Skiern abfahren – da der Kleine eh noch dabei war, das Skifahren zu lernen.
Das klappte soweit ganz gut; ein Eimerklo für Notfälle hatten wir zur Hand – und unsere Kacktüten neben überfüllten Mülleimern hatten sich die „Wir-führen-doch-nur-unsere-Befehle-aus“-Mitläufer ja auch mehr als verdient!
 
Es kam allerdings der Tag, an dem unser Kleiner auch endlich Ski fahren konnte – nicht zuletzt dank eines Zwergerl-Kurses, den er ja belegen durfte, nur ich eigentlich nicht drinnen hätte buchen dürfen. Jetzt wollte er mit uns auf die Piste. Und natürlich Lift fahren!
Unser ganzes Luftschloss wäre verpufft, unter Hinterlassung übler Rückstände, hätte sich nicht praktischerweise mein Mann den Zeh gebrochen und rein aus Solidarität fuhr ich dann natürlich auch nicht Ski, sondern kümmerte mich (zu Fuß) um den aus dem Anfängerlift purzelnden Kleinen, den begeistert liftelnden Großen (unter 12 genügte noch ein Schulnachweis) und den humpelnden Gatten.
Aber, wie gesagt: alles völlig normal, da gab es wirklich nichts zu sehen.
 
Ich ging auch wie sonst ein bis zwei Mal in der Woche abends aus dem Haus – jetzt allerdings auf die Straße statt in den Sport. Erst alleine, dann mit neu gefundenen Freundinnen. Schon die Anfahrt war illegal, da wir weder Maske trugen noch aus lediglich zwei Haushalten – die geltende Kontaktbeschränkung für Ungeimpfte – stammten. Als dann die Versammlungen an sich auch noch verboten wurden, und uns – pro Nase – 3 000,- Euro Bußgeld drohte, wurde es völlig surreal. Die martialisch aufmarschierende Polizei provozierte, schubste und kesselte; nur durch Kenntnis eines Hintereingangs und Glück entkamen wir dem zwei Mal, so dass unsere Kinder-sittenden Männer immer umsonst bangten.

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: war da was?
 
Nachtrag:
Ein Jahr später, im Winter 22/23, waren diese ganzen unlogischen, sinnlosen Regeln passé. 
Wir waren nur ein einziges Mal beim Skifahren, weil es sich so falsch anfühlte, und gegessen haben wir wie damals im Camper.
Und auf die Straße gehe ich noch immer …